Männerhaarschnitt trocken oder nass


Bis Ende der 1960er-Jahre wurde in bundesdeutschen Herrensalons nahezu ausschließlich trocken geschnitten.
Haarewaschen beim Friseur galt als „unmännlich“ oder sogar „verpönt“. Eine lehrbare Schneidetechnik existierte nicht – gearbeitet wurde nach Gefühl und Augenmaß.
Die typischen Frisuren ähnelten dem heutigen Undercut:
– Seiten ultrakurz, oft mit Maschine oder sogar Rasiermesser
(Rasierhaarschnitt)
– Deckhaar länger
– Übergang
– Fixativ oder Pomade für Halt
– Einheitsschnitte im Viertelstundentakt
Es war eine schnelle, einfache und handwerklich wenig standardisierte Dienstleistung.
Mit der Beatles-Ära und den Sassoon-Techniken änderte sich alles. Plötzlich gab es eine lehrbare, präzise Schneidetechnik, die perfekt zur länger werdenden Haarmode der Männer passte – ein Trend, der aus London nach Deutschland schwappte.
Friseure pilgerten zu Schulungen nach London, investierten Zeit und Geld, und es entstand eine völlig neue Dienstleistung im Herrensalon:
→ Der Form- bzw. Nasshaarschnitt
Zum ersten Mal wurde im Herrensalon:
beraten,
gewaschen,
graduiert,
geformt,
präzise gearbeitet.
Und das zu einem deutlich höheren Preis, weil der Aufwand und die Qualität eine andere waren.
Diese neue Dienstleistung fand schnell viele Anhänger.
Anfang der 70er-Jahre verlangten nur noch wenige ältere Herren den klassischen Trockenhaarschnitt. Zu meiner Gesellenprüfung 1968 mussten beide Techniken noch beherrscht werden:
Prüfungsvorgabe:
Trockenschnitt: 20 Minuten
Nass-/Formhaarschnitt: 40 Minuten
Bis Anfang der 80er stieg der Anteil der Nasshaarschnitte in Deutschland auf über 80 %.
Der Trockenhaarschnitt wurde aus dem Ausbildungsplan gestrichen – ebenso der Faconschnitt, der fließende Übergang.
Als dieser durch ausländische Mitbewerber und kürzere Männerschnitte in den 90er Jahren wieder modern wurde, mussten Schulungen nachinstalliert werden.
Heute ist der Faconschnitt (Übergang) wieder Pflicht in der Prüfung.
Die Lehre über die verschiedenen Arten des Männerschnitts jedoch ist bis heute verschwunden.
Mit dem Wandel hin zu kürzeren Männerfrisuren wurde auch der Übergang wieder modern. Dieser ließ sich problemlos mit der Maschine erarbeiten.
Doch die alte Technik des klassischen Trockenhaarschnitts war inzwischen nicht mehr vermittelt worden. In den Salons griff man daher automatisch zur heute üblichen Graduationstechnik – einer hochwertigen, zeitaufwendigen Methode, die jedoch unter dem Etikett „Trockenschnitt“ plötzlich zum Niedrigpreis angeboten wurde.
Das Ergebnis ist fatal: Es ist, als würde ein Metzger hochwertiges Filet durch den Fleischwolf drehen, nur um es als preiswertes Gehacktes zu verkaufen.
Parallel dazu hatte sich auch das Hygieneverhalten der Kunden verändert. Tägliches Haarewaschen war längst Normalität geworden. Die Frage „Waschen wir auch?“ wurde zunehmend als unnötig empfunden und häufig mit „Nein“ beantwortet.
Beratung – Kopfmassage mit Haarwasser –
Durchspülen der Haare im Becken, alles unterblieb. Stattdessen dominierte der schnelle „Trockenschnitt“ zum kleinen Preis – oft begleitet von etwas Wasser aus der Sprühflasche, aber ohne den Wert einer vollständigen Dienstleistung.
Während der Corona-Pandemie galt die Vorgabe, Männerhaarschnitte nur mit vorheriger Haarwäsche durchzuführen.
Viele Salons nutzten diese Situation: Sie boten die gleiche Dienstleistung wie vor Corona, mit dem gleichen Ergebnis, aber nun zu einem höheren Preis – begründet durch die verpflichtende Haarwäsche.
Der klassische Trockenhaarschnitt wurde in dieser Zeit von vielen als unhygienisch oder nicht gewinnbringend empfunden und verschwand deshalb von zahlreichen Preislisten.
Doch viele Männer hatten sich über Jahre an die einfache, schnelle und preiswerte Dienstleistung gewöhnt. Sie hatten nie etwas anderes angeboten bekommen oder kennengelernt. Die Folge: Plötzlich sollte derselbe Haarschnitt – jetzt mit Haarwäsche – deutlich teurer sein.
Gleichzeitig boten viele Barber weiterhin den reinen Trockenhaarschnitt an. Was viele Friseure dabei übersehen: Der beratene, hochwertige Nass- bzw. Formhaarschnitt wird dort in der Regel nicht angeboten.
Der Kunde vergleicht also nicht zwei gleiche Dienstleistungen, sondern zwei völlig unterschiedliche – erkennt diesen Unterschied aber oft nicht, weil er nie darüber aufgeklärt wurde.